2. Kommunikative Aspekte
Sylvia Platzer
Wir alle sind, wenn wir kommunizieren, zahlreichen Erwartungen ausgesetzt und
haben unsererseits selbst bestimmte Vorstellungen, wie sich andere verhalten
oder aussehen sollten.
Der Teil der Kommunikation, der ohne Sprache stattfindet, wird als nonverbale
Kommunikation bezeichnet.
Ruesch/Kees traf hierzu die folgende Begriffsbestimmung:
Sign Language: Gesten, die die Sprache ersetzen
Action Language: Bewegungen, dazu gehört auch Gehen
Object Language: Artefakte wie Wohnungseinrichtungen, Kleidung, sowie der
Körper selbst.
2.1. Kleider- und Körpersprache als Form von nonverbaler Kommunikation
Kleidung stellt ebenso wie Gesichtsausdruck und Gestik eine wirkungsvolle
Botschaft an unsere soziale Umwelt dar. Die Bedeutung entsteht aus der Wirkung,
die es im Gegenüber auslöst. Die Doppeldeutigkeit von Kleidungsbotschaften ist
kultur- und situationsabhängig. Die Decodierung vestimentärer Kommunikation wird
von einer Vielzahl von Variablen beeinflußt, die sich im Zeitverlauf in ihrer
Bedeutung verschieben.
Manipulationen des Körperimage werden durch die Ideale geleitet, welche
körperliche Erscheinungsweise als attraktiv gilt, oder (in anderen
Gesellschaften) als bedrohend, heilig, oder sonstwie erstrebenswert. In der
westlichen Gesellschaft ist Attraktivität eines der wichtigsten Kriterien für
die äußere Erscheinung.
Geht es bei der vestimentären Kommunikation um die Wirkung auf andere oder um
narzistische Selbstdarstellung? Eine empirische Untersuchung von Hoffmann hat
folgende Kodierungen für die Kleidersprache ermittelt:
Sexuelle Herausforderung
Hingabe
Soziale Macht
Soziale Schwäche
2.1.1 Mehrdeutigkeit der vestimentären Kommunikation
1. Sachebene
Kleidung kommuniziert zahlreiche Botschaften auf der Sachebene.
Gruppenstile oder Kleidung als visualisierte Statusdemonstration lassen
Zusammengehörigkeitsgefühle mit gleichzeitigem Wunsch nach Abgrenzung von
anderen
2. Der Beziehungsaspekt
Auf der Beziehungsebene der interpersonellen Kommunikation nehmen vestimentär
vermittelte Botschaften einen breiten Raum ein. Bei Watzlawick kann der
Beziehungsaspekt nicht nur Kommunikationsintentionen bestimmen und sich auf sein
Encodierungsverhalten auswirken, sondern auch direkt zum Gegenstand der
Mitteilung werden.
3. Der Appellaspekt
Zahlreiche appellative Möglichkeiten bieten sich durch die Kleidersprache an,
wobei dies ausdrucks- und wirkungsorientiert sein kann.
2.1.2 Norm, Rolle und Status in der interpersonellen Kommunikation
1. Norm
Alle Kulturen, Gruppen und Gesellschaften haben ihre speziellen
Bekleidungsnormen
Normverhalten unterliegt der dauernden Kontrolle durch die Gesellschaft.
2. Rollenerwartung und Rollenanforderungen
Man trifft die Entscheidung, welche vestimentäre Botschaft man vermitteln will,
ob Konformität oder Protestverhalten, bereits beim Einkauf und später beim
täglichen Anziehen.
3. Status-Demonstration
Die Kleidung hat für den Menschen eine wesentliche soziale als auch individuelle
Bedeutung.
2.1.3 Evaluierung, Selektion, Segmentierung und Funktion der vestimentären
Kommunikation
Mit der Feststellung einer kognitiv-semantischen Dimension der Kleidung ist ihre
evaluative, sowie ihre präfertentielle ästhetische Dimension noch lange nicht
geklärt.
Wir alle sind, wenn wir kommunizieren, zahlreichen Erwartungen ausgesetzt und
haben unsererseits selbst bestimmte Vorstellungen, wie sich andere verhalten
oder aussehen sollten.
2.1.4 Sozialpsychologische Aspekte der Schuhmode
Mode erfordert vom einzelnen äußerste Auseinandersetzung mit der Umwelt. Das
Charakeristikum der Mode ist ihr ewiger Wandel. Durch Jahrhunderte herrschte
eine strenge vestimentäre Reglementierung. In der neueren Geschichte vermindert
sich die Eindeutigkeit und Verständlichkeit der Kleidersprache. Das Gebot der
Stunde heißt "everything goes", die Chance der individuellen Selbstgestaltung
ist gestiegen.
2.2 Mit Fußbekleidung kann man verschiedene Signale setzen:
Sich keine Schuhe leisten zu können bedeutet, zu den Ärmsten der Armen dieser
Welt zu zählen.
Schuhe haben in erster Linie eine Schutzfunktion und dienen der besseren
Fortbewegung. Ohne Schuhe oder mit ungeeignetem Schuhwerk kann man meist nicht
so schnell (davon)laufen.
Den Menschen unterscheidet vom Tier, daß Tiere keine Schuhe benötigen.
In der Zivilisation fällt man auf durch Bloßfüßigkeit.
Der Schuh ist ein Symbol der Macht, weshalb wir sagen, "unter jemandes Pantoffel
stehen" und "in seines Vaters Fußstapfen" treten.
Die Schuhe sind der Teil unserer Kleidung, der am tiefsten unten ist, und
stellen unseren Standpunkt in bezug auf die Wirklichkeit dar - wie fest wir mit
den Füßen auf dem Boden stehen; wie fest die Erde uns trägt, zeigt das Maß
unserer Macht an.
Schuhe spielen häufig eine Rolle in Märchen.
Ihnen werden Zauberkräfte zugesprochen ("Die Siebenmeilenstiefel"), sie werden
mystifiziert oder personifiziert. Der "gestiefelte Kater" bekommt menschliche
Züge durch seine Stiefel.
Der Schuster oder Pantoffelmacher ist meist ein angesehener Mann. Im Volksbrauch
werden Stiefel vom Heiligen Nikolaus mit guten Dingen gefüllt.
Im Märchen "Aschenputtel" manifestiert sich der Unterschied zwischen dem
Aschenputtel und seinen Stiefschwestern deutlich an einem Körperteil: an der
Beschaffenheit der Füße.
Aschenputtels Füße sind klein und zierlich. Sie entsprechen eher dem Klischee
der Kindfrau, die Beschützerinstinkte wecken. In der chinesischen Tradition
wurden den weiblichen Kleinkindern die Füße eingebunden, um deren Wachstum zu
verhindern. Die daraus resultierenden verkrüppelten Füße behinderten die
erwachsenen Frauen beim Gehen - dies auch im übertragenen Sinn: Die
(Entwicklungs-)Schritte weg vom Eltern- und später vom Ehehafen blieben
entsprechend klein und ungefährlich. Im Märchen wird über den Pantoffel, der
"klein und zierlich und ganz golden" ist, der Unterschied zwischen Aschenputtels
Schönheit und der Schönheit der Schwestern, die große Füße haben, im Sinne von
derb, unfein, aufgezeigt.
Der Zusammenhang zwischen Fußbekleidung und sexueller Attraktivität läßt sich in
Werbung und Mode leicht erkennen. Ein Frauenbein in einem hochhackigen Schuh ist
erotisierend.
Die sexuellen Bedürfnisse der Frauen wurden über lange Zeit und in nahezu allen
Kulturkreisen unterdrückt und kontrolliert. Diese Unterdrückung ist eine Folge
des Prozesses, den Sigmund Freud mit seinem Satz "Die Kultur geht auf Kosten der
Weiblichkeit" beschrieben hat. Die Fähigkeit zu gebären, die Fruchtbarkeit und
die Nähe der Frau zum Körperlichen machten sie dem Mann im Umgang mit der Natur
überlegen. Im gleichen Maße, in dem der Mann die Natur unter Kontrolle brachte,
wurde auch die Frau unterdrückt. Natur, Trieb, Irrationalität, Sexualität -
alles, was gefährlich, unberechenbar und unkontrollierbar schien - wurden der
Weiblichkeit zugesprochen. Das Weibliche wurde abgespalten, in den Untergrund
gedrängt, um es zu entmachten. Im christlichen Kulturkreis wurde die Sexualität
"verteufelt". Die Sündenböcke zur Kontrolle der Sexualität wurden die Frauen.
Aktiv, zielorientiert, fordernd und mächtig zu sein ist ein für Frauen
tabuisiertes Verhalten. Handeln sie trotzdem so, müssen sie sich dem Verdacht
der Vermännlichung aussetzen.
In der Terminologie von Erich Fromm dürfen Frauen "sein". "Haben" ist für sie
tabu.
Forderungen für sich selbst zu stellen ist unbescheiden. Manche Frauen, die für
Kleidung mehr Geld ausgeben, haben ein schlechtes Gewissen. Sich selbst etwas zu
gönnen, gilt als egoistisch. Frauen strengen sich an, von ihrer Umgebung geliebt
zu werden. Diese Tendenz macht innerlich und äußerlich abhängig und verhindert
vermehrte Selbstbestimmung. Daß ihr Aussehen, ihr Körper und ihre erotische
Anziehung ihr weibliches Machtpotential sind, ist Frauen klar. Das Tabu beginnt
dort, wo Frauen ihre Weiblichkeit benutzen, um in männliches Hoheitsgebiet
vozudringen. Sexuelle Attraktivität fordert man von Frauen allerdings nur im
privaten, kontrollierbaren Rahmen. Erotisch zu sein ist eine Dienstleistung, die
Frauen für Männer erbringen sollen, aber keinesfalls für sich selbst und ihre
eigenen Ziele.
So urteilen fünf Sozialwissenschaftlerinnen aufgrund einer Untersuchung zum
Thema Frauen und Geld.
Sprichwörtlich verwendet heißt es:
"Schuster bleib bei deinem Leisten." Unheil kommt "auf leisen Sohlen". Brüskes
Verhalten oder die Flucht ergreifen heißt: "Sich am Absatz umdrehen".
"Das ist ein Bloßfüßiger", damit beschimpft man einen, der von nichts eine
Ahnung hat.
"Jemanden auf die Zehen steigen". "Jemandem Beine machen". "Auf großem Fuß
leben".
Schuhe können Gegenstand extremen Kaufverhaltens sein. Ein berühmtes Beispiel
hiefür ist Imelda Marcos, die attraktive Gattin des ehemaligen philipinnischen
Diktators. Nach ihrer Flucht ins Exil fand man ein ungeheuer große Ansammlung
von Schuhen.
2.3 Schuhe sind Teil der Körpersprache
Sich auf den ersten Blick ein so genaues und treffsicheres Bild vom anderen
machen zu können, ist ein alter Menschheitswunsch. Man wünscht sich
Urteilskraft, um die Mitmenschen zu demaskieren, zu enthüllen, zu durchschauen,
um die Schutzwände aller angenommenen, angelernten und unechten Handlungen zu
durchdringen.
Wenn man das Rätsel lösen will, das jeder Mensch für seine Mitmenschen bedeutet,
dann muß man etappenweise vorgehen: erstens Beobachtung, zweitens Betrachtung
des Beobachteten und drittens die Schlußfolgerung ziehen.
Die Beobachtung setzt Neugierde verbunden mit einem Hang zum Voyeurismus voraus.
Weiters benötigt der ideale Beobachter Geduld und Ausgeglichenheit. Die allzu
Aktiven sind keine guten Beobachter. Absolut notwendig ist auch Toleranz.
Werturteile, Vorurteile, Prinzipien, Wertmaßstäbe wirken sich als Scheuklappen
aus, die das Beobachtungsfeld einengen. Aversion, heftige Abneigung verzerren.
Der unparteiische, objektive Beobachter existiert nicht. Der Mensch bringt seine
eigenen Dimensionen ein.
Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts hat die Wissenschaft begonnen, den
Menschen selbst zu erforschen. Immer noch tasten die Wissenschafter die
unsichere Grenze zwischen ererbten und erworbenen Fähigkeiten ab.
Es gibt keine Geste mit allgemein verbindlicher Bedeutung. Jede Kultur
entwickelt ihre eigenen verbalen und nonverbalen Ausdrucksmittel. Ein einziges
Indiz (z.B. Schuhe) kann zu unzähligen Hypothesen über den Benützer führen.
Es besteht die Gefahr einer vorschnellen und einseitigen Interpretation,
Schlußfolgerungen, die sich herleiten aus kulturellen Verschiedenheiten, aus der
Person des Beobachters und aus der individuellen Geschichte des Beobachteten.
Wo die Worte lügen, legt der Körper ein Geständnis ab.
2.5 Körpersprache wird durch folgende Eindrücke vermittelt:
Visuelle Eindrücke
wie z.B. die körperliche Erscheinung, Haltung, Bewegungen, Tempo, Gangart,
Beweglichkeit, Rhythmus, Körperpflege, Kleidung, Accessoires, Gefühlsreaktionen.
Gehöreindrücke
dazu gehören Geräusche, die der Körper mit Hilfe von Objekten erzeugt -
so kann man zum Beispiel auf leisen Sohlen daherkommen, mit Stöckelschuhen
klappern oder Aufmerksamkeit durch genagelte Schuhe erregen wollen
Geruchseindrücke
Ledergeruch kann erotisierend sein. Schuhe können aber auch Schweißfüße
bedingen.
Berührungseindrücke
Von zufälligen, unabsichtlichen Berührungen der Füße, bis zum auf die Zehen
treten. Das Küssen der Schuhe ist eine höchst devote Geste - ähnliches
symbolisieren Fußwaschungen - oder Ausdruck sexueller Vertraulichkeit.
Frauen lassen sich in stärkerem Maße von der Stimme beeinflussen als Männer.
Männer begeistern sich mehr für visuelle Reize.
Jenseits der Körpersprache, die wir feststellen und beschreiben können, wird ein
Kommunikationssystem wirksam, das sich bis heute jedem Zugriff der Beobachtung
entzieht. Dies sind willkürliche und unwillkürliche Signale, die der Beobachtete
aussendet.
Edmund Husserl unterscheidet zwischen "Ausdruckssignalen", die etwas aussagen
wollen und den "Zeichen", die nichts Bestimmtes aussagen sollen.
2.6 Zum Sozialen Verhalten
(William James "Principles of Psychology"):
Man kann sagen, daß jeder ebensoviele verschiedene Persönlichkeiten hat, wie es
unterschiedliche soziale Gruppen gibt, deren Meinung in seinen Augen zählt.
Jeder Mensch zeigt im allgemeinen jeder dieser sozialen Gruppen einen anderen
Aspekt seiner selbst.
Das soziale Verhalten stellt eine wesentliche und grundlegende Dimension des
Menschen dar. Seine Persönlichkeit entsteht aus der endlos wiederholten
Konfrontation mit dem anderen Individuum.
Die Veränderungen an unserer Persönlichkeit, die wir bewußt und aus Absicht auf
uns nehmen, um in verschiedenen sozialen Gruppen Eingang zu finden und uns dort
einzugliedern, sind ein Kompromiß zwischen unseren Instinkten und den sozialen
Forderungen der Gruppe.
(Robert Ezra Park "Race and Culture"):
Das Wort "Person" bedeutet in seinem ursprünglichen Sinne eine Maske. Es ist
vielmehr die Erkenntnis, daß jedermann immer und überall mehr oder weniger
bewußt, eine Rolle spielt. In diesen Rollen erkennen wir uns gegenseitig und
erkennen wir uns selbst. In einem bestimmten Sinn - und soweit sie die
Vorstellung, die wir von uns selbst haben, darstellt - ist die von uns
angestrebte Rolle also unsere Maske oder unser wahres Selbst, das Ich, das wir
sein möchten.
Auf die Dauer wird uns die Vorstellung von unserer Rolle zur zweiten Natur und
zu einem Bestandteil unserer Persönlichkeit. Wir kommen als Individuum zur Welt,
wir erfinden uns Rollen, und wir werden eine Person.
2.7 Extravertiertheit und Intravertiertheit
C. G. Jung hat den Extravertierten als Individuum charakterisiert, das sich
stets den Standpunkt der Mehrheit aneignet. Es handelt sich zumeist um heitere
Menschen, zugänglich, weltoffen, voller Interesse für Menschen und Dinge. Er hat
unter anderem einen festen und freien Gang
(17. Jh.: Jean de La Bruyere ind seinem Hauptwerk "Les Caracteres").
Diesem geistig-seelischen Grundtypus stellt er den "Introvertierten" gegenüber,
den er als verschlossene Natur, schwer zu durchschauen und häufig mißtrauisch
beschreibt.
Menschliches Verhalten spielt sich zwischen den zwei Polen ab: Außenwelt und
Ich. Der Introvertierte richtet sein Interesse auf die Innenwelt, auf das Ich,
und kehrt sich von der Außenwelt ab. Der Introvertierte verwirft grundsätzlich
den Standpunkt der Mehrheit, und zwar aus dem Grund, sich einem Modestandpunkt
nicht anschließen zu wollen.
Passanten auf der Straße lassen, ohne es zu wollen, durch Haltung und Gangart
erkennen, wo der augenblickliche Anziehungspunkt liegt, auf den sie innerlich
ausgerichtet sind. Wenn jemand sich in Anwesenheit eines anderen von einem
Kleidungsstück trennt, ist das ein Zeichen für seine offene Einstellung
gegenüber dem anderen.
2.8 Konformismus und Nonkornformismus
Wir alle sind unablässig sozialen Zwängen ausgesetzt. Sie bestimmen unsichtbar
und unausweichlich unser Leben bis in die kleinsten Einzelheiten. Wir sind
eingespannt in ein dichtes Netz von Konventionen und Vorschriften.
Bestimmte Menschen fühlen sich eins mit den Ansprüchen der Gesellschaft; sie
assimilieren sich ihren Regeln so ohne jeden Bruch, daß sie sich mit deren
Inhalten zu identifizieren vermögen. Diese Menschen unterwerfen sich sozialen
Forderungen, ohne auch nur darüber nachzudenken, eben weil sie es natürlich
finden; sie würden niemals den Versuch machen, sich ihnen zu entziehen. Das sind
die Konformisten mit ihrem fügsamen und braven Naturell.
Die Nonkonformisten stehen den Vorschriften und Sitten der Gesellschaft hingegen
kritisch gegenüber. Sie fühlen sich in ihrer Unabhängigkeit beeinträchtigt und
meinen, daß die ihnen aufgezwungenen Konventionen und Normen ihre
Persönlichkeit, ihre Phantasie und ihre schöpferischen Fähigkeiten einschränken.
Man kann sie nicht bequem dirigieren, aber die originellen Ideen und neuen
Geichtspunkte, die manche von ihnen entwickeln sind oft interessant.
Ganz allgemein kann man sagen, daß der Grad unserer Anpassung an die
Vorschriften, nach denen wir unsere äußere Erscheinung und unser soziales
Verhalten ausrichten, zugleich beweist, inwieweit wir mit der Gesellschaft, die
diese Vorschriften diktiert, einverstanden sind. Die Weigerung, sich anzupassen,
läßt eine ablehnende Haltung gegenüber der Gesellschaft erkennen, die viel
tiefgreifender ist, als es den Anschein hat. Jemand, der sich anders kleidet als
die Leute, in deren Mitte er seit jeher lebt, stellt damit zugleich die
Lebensweise, Sitten, Moral und Ideologie, die diese Gruppe prägen, in Frage.
Zwischen Rebellentum und Provokation einerseits und striktem Konformismus
andererseits öffnet sich ein breiter Fächer von Verhaltensweisen, die
Abhängigkeit und Unabhängigkeit in wechselnden Kombinationen demonstrieren.
Zu den Nonkonformisten zählt man auch die Leute, die geschickt zwischen beiden
Verhaltensweisen pendeln, was ihnen ein Maximum an Vorteilen verschafft. Das
Mischungsverhältnis, das jeder einzelne für sich wählt, zeigt sich sehr oft im
Stil seiner Kleidung und äußeren Erscheinung.
Früher war der Unterschied im Geschlecht bereits im Babyalter durch die Farbe
Blau oder Rosa gekennzeichnet. Heute beobachten wir eine entgegengesetzte
Entwicklung: wir erleben den Triumph des Unisex, der Einheitsmode beider
Geschlechter. Erscheinung, Sprachgewohnheiten und Verhaltensweisen der Jugend
sind heute kennzeichnend für eine Altersklasse und nicht für das eine oder
andere Geschlecht.
Die Unisexmode in der Kleidung, in der Erscheinung und im Verhalten stellt uns
bei der Deutung der Körpersprache vor manches Problem. Wenn ein Individuum
früher einen oder mehrere typisch männliche oder weibliche Wesenszüge besonders
betonte, so betrachtete man das als unwiederlegbare Beweise von Männlichkeit
bzw. Weiblichkeit.
Hinter Nonkonformistischer Kleidung vermutet Claude Bonnafant ein boshaftes
Vergnügen, um brave, konservative Bürger herauszufordern, und genießen deren
Entrüstung.
Er führt die Unisexmode auf folgende Phänomene zurück: die allgemeine
Protesthaltung, die Ablehnung der spezifischen Geschlechterrolle, die unser
Kulturbereich vorschreibt und schließlich ein, wie er sich ausdrückt, "auf die
Spitze getriebener Feminismus". Relativiert allerdings, daß in der Mehrzahl der
Fälle die Frau nur erkennen lassen will, daß sie die Rolle des erotischen
Objekts, das das Begehren der Männer wecken, wachhalten und erfüllen soll, von
sich weist. Somit ein Ausdruck des Widerstandes gegen die traditionelle
Passivität der Frauenrolle.
Die Jugendlichen ziehen gegen die Rollenverteilungen unserer Zivilisationen zu
Felde, die die sexuellen Verhaltensmuster festgeschrieben hat; sie kämpfen für
eine Weiterentwicklung und Erneuerung dieser Rollenverteilung.
Die Frage nach dem "warum" ein Mensch das tut, was er tut, die Erforschung der
Verhaltensmuster von Individuen wird aus dem Kontext der Beziehungen, die
geknüpft und unterhalten werden, beantwortet. Verhalten hängt von Kommunikation
und Interaktion ab.
Nach Watzlawick ist alles Verhalten Kommunikation. Es gibt in jeder
Kommunikation viele Informationsebenen und eine davon betrifft stets die
Beziehung, innerhalb der die Kommunikation stattfindet. Der Fluß kommunikativer
Vorgänge besteht aus einer Serie sich überschneidender Triaden: Reiz, Reaktion
und Verstärkung.
2. 9 Der Mythos der Normalität
Der Mythos der Normalität beeinflußt nicht nur die Schicksale jener, die als
abnormal beurteilt werden auf eine heimtückische Art und Weise, sondern auch die
Lebensgewohnheiten von uns allen.
Die Zweiteilung der Menschheit in Normale und Abnormale resultiert aus dem
Zwang, alle menschlichen Aktivitäten zu klassifizieren. Diese Art der
Klassifizierung ist ein Teil unseres Bemühens, das Leben zu vereinfachen und
unsere Erfahrung mit einer schützenden Mauer zu umgeben. Je alltäglicher unsere
Erlebnisse sind, desto wohler fühlen wir uns.
Alles was außerhalb der täglichen Erfahrung liegt, erzeugt Angst und wird als
abwegig, "zufällig, übernatürlich, verrückt" bezeichnet, damit wir nicht zugeben
müssen, daß wir es ganz einfach nicht verstehen. Man bemüht sich das Verhalten
und die Beobachtungen menschlicher Persönlichkeiten zu klassifizieren, denn
unbekannte Kräfte, die jeder Mensch in sich hat und die zwischen den Menschen
wirksam sind, erzeugen die meiste Angst und sind daher am schwersten zu
beeinflussen. Wie verrückt einem eine Person erscheint, hängt vom eigenen
Bezugssystem und den Grenzen der eigenen Erfahrung ab.
Das Denken in Vereinfachungen ist selbst bei Fachleuten durchaus üblich. Der
Schluß vom Tier auf den Menschen wird von manchen Theoretikern mit erstaunlicher
Leichtigkeit vollzogen, ohne die größere Subtilität und Komplexität menschlichen
Erlebens zu berücksichtigen.
Die Unterscheidung zwischen normalen und abnormalen Persönlichkeiten, die in der
starren Annahme zum Ausdruck kommt, die individuellen Grenzen seien festgelegt
und angeboren, ist für die Menschen sehr praktisch und wird in höchst schamloser
Weise für eigennützige und unmenschliche Zwecke mißbraucht.
Unter der Annahme, daß es eine "normale" Person nicht gibt, sondern eine
Vielzahl adaptiver Muster und Verhaltensmöglichkeiten ist die Schlußfolgerung,
wie sich eine Person verhält, von der Kultur, der Subkultur, der ethnischen
Gruppe und der Familie ab, in der sei lebt abhängig. Wir vergessen leicht, daß
sich Werte ändern, da wir so oft neue annehmen und alte vergessen.